Samstag, 05.12.2015 – jungesloft: Stimmungen feat. Jen Shyu

 

jungesloft: Stimmungen feat. Jen Shyu

Jen Shyu – Stimme, Taiwanesische Moon Lute, Gayageum, Klavier, Tanz & Komposition, Thea Soti – Stimme, Kalimba, Vladimir Guicheff Bogacz – Stimme, Charango, Gitarre, Flöten, Antoine Duijkers – Percussion,  Anthony Greminger – Drum


© Filip Jacobson
© Filip Jacobson

Jen Shyu benutzt ihre Stimme mit einer atemberaubenden Selbstverständlichkeit. Zwischen fremdartigen Instrumenten mäandrierend, singt und flüstert sie ununterbrochen, reiht Geschichte an Geschichte. Ihre Soloperformance stellt eine Reise dar, von Osttimor über Indonesien und Taiwan bis nach Korea.

Den meisten Zuhörer_innen bleibt die Textebene jedoch verborgen, Shyu erzählt ihre Geschichten auf Mandarin und koreanisch, selten sind englische Satzfetzen dabei. In den USA geboren, interessierte sie sich als Gesangsstudentin immer mehr für die Kultur ihrer asiatischen Eltern. Ihre Karriere bei Steve Colemans Band „Five Elements“ unterbrach sie schließlich, um sich in Pansori und Gayageum Byeongchang ausbilden zu lassen.

Diese Techniken koreanischer Gesangstradition, auch „Theater des Erzählens“ genannt, prägen unüberhörbar Shyus aktuelle Musik. Vertieft in das Spiel mit dem Gayageum, einer koreanischen Zither, breitet sie die mit heller Stimmfärbung vorgetragenen Geschichten in weiten Bögen kunstvoll aus. Unbegleitet entfaltet ihre Stimme zusätzlich ein tiefes, heiseres Timbre, sie füllt damit mühelos den Raum.

© Filip Jacobson
© Filip Jacobson

Doch Jen Shyu ist eine Performerin mit vielen Gesichtern. Eben noch trug sie völlig entrückt im weißen Kleid sitzend eine tragisch anmutende Melodie vor, im nächsten Augenblick spricht sie so aufgeschlossen mit dem Publikum wie eine Entertainerin. Ihre Soloperformance scheint unberechenbar. Shyu singt unbegleitet und zu eingespielter Musik, sie tanzt und spielt Moon Lute und Gayageum, gestikuliert und interagiert mit einem großen Papierkubus, befreit das Publikum mithilfe eines Bambusstocks von seinen Sorgen und endet dunkle Akkorde drückend am Flügel.

Dieser dient ihr auch als Brücke zum kompakten zweiten Teil des Konzerts, in dem Kölner Musiker mit ihr gemeinsam einen Klangkörper bilden. Von den Tasten aus steuert sie Improvisationen und komponierte Passagen, die eine durchgehende Dramaturgie ergeben. Das Bedürfnis, Geschichten zu erzählen, zieht sich wie ein roter Faden auch durch das zweite Set. Shyu und Thea Soti, Sängerin und Mitorganisatorin der Konzertreihe Stimmungen, wechseln sich mit dem Vortrag ab, wobei Soti die Phrasierung und Stimmfarbe Shyus auf beeindruckende Weise imitiert.

Die Vision der Konzertreihe, nämlich, dass die Stimme tragendes Element einer Improvisation sein kann, geht in diesem Teil des Konzerts hervorragend auf. Der Kontrabassist Jakob Kühnemann und die Schlagzeuger Anthony Greminger und Antoine Duijkers fügen sich behutsam ins Klangbild, lediglich Gitarrist Vladimir Guicheff Bogacz bricht von Zeit zu Zeit zu klanglichen Alleingängen aus.

Nur in manchen Momenten ist erkennbar, dass Jen Shyu mit ihrer Musik auch ihre eigene Geschichte erzählen will: „We are not strangers … an I see I was home all the time“, singt sie und schneidet sich eine Strähne ihrer dunklen Haare ab. Shyus Musik berührt emotional und verwirrt gleichzeitig durch ihre schamanische Fremdheit. Das dritte und letzte Konzert der Reihe Stimmungen bereichert die Kölner Jazzszene einmal mehr mit einer Koryphäe der Stimmkunst und macht außerdem neugierig auf die Vielfalt asiatischer Musiktradition.

© Luis Reichard