02/2026: André Nendza Quintett „On Canvas“ – Then & Now!

Als das Projekt On Canvas des Bassisten André Nendza am 19. März 2020 erstmals im LOFT erklang, befanden wir uns an einem historischen Kipppunkt: nur wenige Tage zuvor hatte sich die Corona-Pandemie von einer abstrakten Bedrohung in eine konkrete Realität verwandelt. Die Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel am 12. März 2020 ließ keinen Zweifel mehr an der Tragweite der kommenden Maßnahmen: öffentliche Veranstaltungen wurden ab dem 16. März 2020 untersagt, der vollständige (erste) lockdown trat am 22. März 2020 in Kraft.
Am Abend des 12. März 2020 betreute ich das Konzert des Trios Sicker·Askari·Kahlenborn feat. Jonas Engel. Gemeinsam mit unserem Tonmeister Stefan Deistler saß ich in der Regie, als die Eilmeldungen eintrafen. Mir war sofort klar, dass diese Entscheidungen unser gesamtes Arbeitsfeld radikal verändern würden.
Noch am selben Abend telefonierte ich mit meinem Sohn Benedikt, welcher sofort die in Kürze betroffenen Musiker*innen informierte, als ersten André Nendza, dessen Konzert für Donnerstag den 19. März 2020 geplant war. Am Folgetag warf dieser dann die Frage auf, ob man das Konzert stattdessen nicht live streamen könne. Die zentrale Frage lautete jetzt: sollen wir komplett schließen, oder per Streaming-Format einen Weg finden, weiter zu arbeiten? Benedikt entschied, dass geplante Konzert von André Nendzas Quintett nicht komplett abzusagen, sondern zu versuchen, es als livestream zu realisieren.
Die technischen Voraussetzungen waren ja teilweise schon vorhanden, denn wir verfügen über ein professionelles Tonstudio, und hatten im November 2019 bereits eine erste, fest-installierte Kamera in Betrieb genommen – eigentlich mit dem Hintergedanken, zu den zahllosen Audio-Dokumentationen & Live-Produktionen aus dem LOFT nun auch ein Bild zur Verfügung zu stellen. Dazu gab es Freunde die bereit waren, improvisierend mit uns Neuland zu betreten. Und so blieb uns knapp eine Woche, um fehlendes Equipment zu kaufen oder zu organisieren, und die technischen Abläufe neu zu denken und umzusetzen. Mit tatkräftiger Unterstützung unter anderem von Mischa Salevic und Falk Grieffenhagen waren wir innerhalb weniger Tage startklar, und so wurde On Canvas am 19. März 2020 zum ersten pandemiebedingten Livestream aus dem LOFT – damals noch mit einer einzigen, statischen Kamera, aber mit dem aus dem LOFT gewohnten professionellen Ton. Dazu gab es eine Spendenmöglichkeit, die den Musiker*innen reale Einnahmen ermöglichte, und an diesem ersten Abend auch rege genutzt wurde. Auch für die Musiker*innen war diese Form des Konzerts eine neue Herausforderung: Musik ohne Publikum im Raum, aber mit einer unsichtbaren Öffentlichkeit vor den Bildschirmen.
Rückblickend markiert dieser Abend nicht nur einen Einschnitt, sondern auch einen Anfang. Soweit wir wissen, war das LOFT der erste (Jazz)Club in Deutschland, der während der Pandemie einen Livestream realisierte. Viele weitere sollten folgen, in den ersten Monaten unter anderem mit tatkräftiger Unterstützung und Expertise von Tobias Haucke. Die Erfahrungen dieser Zeit haben bis heute Spuren hinterlassen: Konzerte werden nun selbstverständlich professionell in Ton und Bild aufgezeichnet, mit einer Infrastruktur, die damals aus der Not heraus entstanden ist.
Sechs Jahre später kehrt On Canvas am 28. Februar 2026 ins LOFT zurück. Das Konzert ist damit nicht nur eine musikalische Wiederbegegnung, sondern auch eine Erinnerung an eine Zeit des Umbruchs – und an die Kraft von Improvisation, Solidarität und künstlerischer Präsenz unter außergewöhnlichen Bedingungen.

Hans Martin Müller