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ENTFÄLLT: BOTTOM ORCHESTRA: Songs of Work

Mittwoch 29. April 2020 - 20:30

Kaspar von Grünigen – Bass, Komposition, Lyrics
Almut Kühne – Stimme
Leonhard Huhn – Saxophon
Uli Kempendorff – Saxophon, Klarinette
Silvan Schmid – Trompete
Lukas Briggen – Posaune
Manuel Troller – Gitarre
Philip Zoubek – Piano, Synthesizer
Gregor Hilbe – Schlagzeug
Miguel Ángel García Martín – Percussion


BOTTOM ORCHESTRA Songs of Work Kaspar von Grünigen Philip Zoubek
© Florine Leoni

Das BOTTOM ORCHESTRA wurde von Kaspar von Grünigen 2015 gegründet und bedient gleich zwei seiner musikalischen-künstlerischen Bedürfnisse: Einerseits grossformatige Band mit Wunschbesetzung und andererseits kollektiver Organismus mit Eigendynamik. Das BO versammelt 10 Musiker*innen aus der Schweiz und aus Deutschland (Schwerpunkt Basel/Berlin), die neben- und miteinander weit verzweigte Aktivitäten pflegen. Sie sind im Jazz, in der freien Improvisation oder in der zeitgenössischen Musik zuhause – und scheren sich alle nicht um Genregrenzen.
Wohl wird die Musik von Kaspar geschrieben, aber erst das Ensemble haucht ihr Leben ein: Die grossbesetzte Rhythmusgruppe treibt die Band unerbittlich an, wechselt laufend die Gänge zwischen Grobmotorik und Feinmechanik, sorgt für das entscheidende Quantum Unberechenbarkeit im spontanen solistischen Ausscheren. Die Frontlinie der Bläser zieht sämtliche Register vom satten harmonischen Satz bis zum sperrigen Geflecht aus Schnaufgeräuschen, verdichtet die Handlung, scheut sich nicht vor dem improvisatorischen Höllenritt. Über dem Ganzen strahlt die Stimme von Almut Kühne: Sie schillert in allen melodischen Farben, bewegt sich in atemberaubenden atonalen Sprüngen, schraubt sich durch komplizierte Textschlaufen, löst sich in instrumentalen Texturen auf.

http://www.kasparvongruenigen.com/index.php/bands/bottom-orchestra/

SONGS OF WORK – das Album
Musik ist zwar erstmal abstrakte Kunst und konkreter Klang, sie kann aber sehr wohl auch aktuelle Themen verhandeln und gesellschaftliche Bezüge herstellen. So schuf sich KvG eine einigermassen herausfordernde Ausgangslage: Die SONGS OF WORK sollten ein Stück Musik mit historischen oder fiktionalisierten Referenzen an Klang und Arbeit (etwa Worksong, Shanties, Arbeiterlieder, Industrial) werden – und sich zudem mit Songtexten am aktuellen gesellschaftlichen Diskurs über die Arbeit beteiligen. Daraus ist ein dezidiert antikapitalistischer Songzyklus entstanden, der sich insbesondere mit der Situation des Individuums im neoliberalen Arbeitsumfeld auseinandersetzt.
Das Album startet mit dem PROLOG, einem unheilschwangeren Choral, der ein altes chinesisches Sprichwort zitiert – «Wer den Tiger reitet, hat Angst vor dem Abstieg!»  – und sogleich in die alltägliche Hast führt: «Arbeit für dich, Arbeit für mich, Arbeit für ihn, Arbeit an sich..». TEAMFRÜHSTÜCK, eine Improvisation von Gitarre und Klavier, sorgt erstmal für ein kräftiges Durchatmen. SCHÖNE NEUE ZUSTÄNDE befasst sich mit der umstrittenen Idee, durch Auslagerung von Tätigkeiten das Leben schöner zu machen – und sei es auch auf Kosten von anderen durch Billigjobs («Subvertrag, fragmentiert!») oder Robotern («mein kleiner Sklave räumt auf»). In BUSINESSLUNCH improvisieren Schlagzeug, Perkussion zusammen mit der Stimme eine imaginäre konspirative Besprechung.
WAS MACHST DU? beginnt mit unerbittlichen repetitiven Schlaufen, erzählt von Überarbeitung, die letztendlich in Entsolidarisierung unter seinesgleichen mündet. In FEIERABEND blasen sich 2 Saxofonisten den Frust eines langen Arbeitstags aus dem Leib. Die KÜNDIGUNG greift auf eine saturierte Businesssprache zurück, die Interesse und Professionalität suggeriert, in Wahrheit aber eine technokratische Kälte ausstrahlt, die die Not der Arbeitslosigkeit verneint. BOTTOM UP kommt schon beinahe einem Reenactment verschiedener Protesthandlungen gleich – die ganze Band schlägt virtuose Kapriolen, macht ordentlich Lärm und verdichtet mit Sprechchören. Das MANTRA DES NEOLIBERALISMUS horcht nach innen: Wir hören ein durch Blasgeräusche und abgehackte Silben zerfranstes Echo unserer Leistungsgesellschaft – Jede*Jeder hat das Motto «reiss dich mal zusammen!» internalisiert und ächzt darunter, daran vermag auch der liebliche und traumbildhafte Refrain nichts zu ändern. Im EPILOG MIT BASS zitiert der Komponist aus einem Essay[1], der letztendlich die Türe zur Befreiung öffnet – und mit der LÄRMALTERNATIVE setzt das BOTTOM ORCHESTRA einen orchestralen Schlusspunkt, der die Hoffnung auf Veränderung («die Blase platzt, wir hören nicht hin – wir sind schon längst in anderen Rhythmen drin») bis zur Ekstase im ausschweifenden Solo des Tenorsaxofons anschwellen lässt.

[1] Aus der Anthologie «Arbeit in Europa – Marktfundamentalismus als Zerreisprobe». Genaue Quellenangaben im CD-Booklet.