Montag, 27.04.2015 VILDE & INGA + Etienne Nillesen

 

Vilde Sandve Alnæs – violin, Inga Margrete Aas – bass, Etienne Nillesen – bowed cymbal

 © Peter Gannushkin
© Peter Gannushkin

Bereits im Jahre 2003 untersuchte der im selben Jahr verstorbene Musikwissenschaftler Peter Niklas Wilson in seiner Studie „reduktion – zur aktualiät einer musikalischen strategie“ (Schott) in komponierter und improvisierter Musik die „Kunst der äußersten Zurücknahme, der sparsamen Gesten“. Auch heute, zwölf Jahre später, scheint die Idee einer gewissen Reduktion unter jungen Improvisatoren nichts an Aktualität eingebüßt zu haben, wie man gestern im Loft eindrucksvoll erleben konnte: Vilde Sandve Alnæs, Violine und Inga Margrete Aas, Kontrabass kamen aus Oslo zu Besuch; Etienne Nillesen, Schlagzeug, stieß im zweiten Teil des Abends auf Becken und Bogen beschränkt hinzu. In zwei kurzen Sets wussten die beiden charmant zurückhaltenden Norwegerinnen das Publikum zu verzaubern. Leider blieben viele Stühle unbesetzt, man konnte die Zuhörerinnen und Zuhörer an zwei Händen abzählen. Trotzdem – oder gerade deshalb – war die Atmosphäre intim, es wurde ohne Berührungsängste beiderseits zunächst ein bisschen geplaudert, während sich ein paar Nachzügler einfanden.

Das Duo, welches unter dem Namen Vilde & Inga im vergangenen Jahr ihr hörenswertes Debutalbum auf dem renommierten ECM-Label veröffentlicht hat („Makrofauna“), kennt sich von der Osloer Musikhochschule, an dem beide eine klassische Ausbildung durchliefen. Dass beide auch in der zeitgenössischen komponierten Musik als Interpretinnen aktiv sind, konnte man bereits beim Beginn des ohne Unterbrechung improvisierten ersten Sets erahnen: Erweiterte Spieltechniken gehören zum Standardrepertoire der beiden und so begannen sie den Abend mit zart-luftigen Bogensounds. Geige im tremolierenden Gestus mit abgedämpften Saiten, Kontrabass mit rhythmisch akzentuiertem Kontrapunkt auf der Zarge gestrichen. Dazwischen viel Platz. Pausen und Stille in der trocken-direkten Akustik des Lofts stellen eine besondere Herausforderung dar; sofern es gelingt wird man aber mit einer Intensität belohnt, die in einem offeneren Raum eher Gefahr läuft, zu verschwimmen. Es gelang!

Vilde & Inga musizieren überwiegend autonom, bisweilen sehr heterogen. Alnæs eher reduziert und repetitiv in ihrer Tonauswahl, Aas das volle Obertonpotenzial des Kontrabasses in Doppelklängen ausschöpfend, gestrichen, aber auch gezupft mit beidhändigen Pizzicati. Man denkt unwillkürlich an den Einfluss Stefano Scodanibbios auf das Spiel Aas, einen der großen Innovatoren des zeitgenössischen Kontrabassspiels, oder an den Håkon Thelins, Scodanibbio-Vertrauter aus Norwegen, besonders wenn sich im zweiten Set vereinzelt Multiphonics unter die Flageolettöne mischen. Meist ist es Aas, die tonal agiert, mal bassistisch als Fundament, mal melodiös oder rhythmisch strukturierend durch die Verwendung von Obertönen. Alnæs hingegen bedient sich öfter geräuschhaften Materials, etwa Knarz-, Holz- und perkussiven Zupfsounds. Materialökonomie ist jedoch bei beiden das Stichwort: Redseliges Improvisieren wird zugunsten einer gemeinsamen Formsprache hintangestellt. So mündet der Bogen der ersten 15-20 Minuten Musik in besagtem beidhändigen Pizzicato des Basses, während die Geige mit rhythmisierten Bogensounds auf der Zarge an das Anfangsmaterial von Kontrabass erinnert. Die formale Gestaltung danach ist eher collagenartig, neues Material taucht aus dem Nichts auf und verschwindet wieder ins Nichts, die verschiedenen Materialien überlappen sich teils, teils werden neue Formteile zusammen als Bruch initiiert. Nur bei den wenigen  Brüchen in den Improvisationen hätte man sich ein letztes Quäntchen mehr Stringenz gewünscht.

Doch auch atmosphärisch aufgeladene Passagen liegen den beiden Norwegerinnen: Das letzte Drittel beginnt mit einer einfach harmonisierten Bassfigur aus Doppelgriffen, angereichert mit Aas unkonventionellen Bogenbewegungen, über der Alnæs unaufgeregt lange Flageolet und Kunstflageolettöne zu einer minimalistischen Melodie verwebt – großartig! Alnæs spinnt daraus einen bewegten Schlussmonolog aus Flageolets, untermalt und formal abgeschlossen durch das Anfangsmotiv des Kontrabasses.

Im darauf folgenden zweiten Set nun also Vilde & Inga & Etienne. Nillesens gestrichenes und sparsam präpariertes Becken fügt sich wunderbar in die Klangwelt der beiden Streichinstrumente ein und bereichert es durchaus. Im Trio dominiert noch stärker das heterogene Spiel der drei Akteure: Im Anfangsteil kontrastiert die perkussiv gezupfte Geige lange Töne des Beckens sowie lange zweistimmige Töne des Kontrabasses, die in verstimmte Primen münden. Während Nillesen sich von dort schnell in Richtung der perkussiven Klanglichkeit der Geige bewegt, initiiert Aas am Bass repetitive Arpeggien und Alnæs greift nach und nach das Anfangsmotiv der Bassistin auf: lange gestrichene und leicht verstimmte Primen. Später erinnern lange präparierte Beckentöne an die verstimmten Primen, während die beiden Norwegerinnen mit schnellen druckvollen vertikalen Bogensounds an den perkussiven Anfangsklang der Geige anzuknüpfen scheinen. Auch hier gelingt das Spiel mit Materialökonomie und Form. Nach einer Passage der Beruhigung schafft es das Trio im letzten Teil nochmals, in eine neue Klangwelt vorzustoßen: Die Bassistin fundiert mit rhythmischem Wabern und sehr tief gestimmter E-Saite, während Nillesens metallische Beckensounds durch das abermals perkussive Geigenspiel Alnæs kontrastiert werden, diesmal in Form von hoch gezupften Pizzicati. Ein Bruch in den letzten Minuten, initiiert von Aas im plötzlichen Auftauchen der anfänglichen verstimmten Primen, schafft eine Reminiszenz an den Anfang des zweiten Sets. Der zweite Teil klingt mit langen Tönen homogen aus.

Alles in allem ein gelungenes Konzert, sowohl das eingespielte Duo überzeugte im ersten Set, wie auch das Trio mit Nillesen als Gast im zweiten Set. Man hätte den Musikern nur mehr Publikum gewünscht, verdient hätten sie es allemal.

Köln, 28.4.2015

Stefan Schönegg