Montag, 01.06.2015 – jungesloft: Duonale Vol I

 

Junges LOFT: Duonale – Vol. I

Samuel Blaser – trb. / Jonas Burgwinkel – drums

Leonhard Huhn – sax., eff. / Sebastian Müller – el. guit., eff.


Ein dunkles Wummern, anschwellend, abschwellend. Mal kräftiger Trommelwirbel, mal leises Flattern, dazu die Posaune, ebenfalls flatternd, gedämpft. So beginnt der erste Teil des neuen Konzertformats „Duonale“ im Loft Köln – und weder die Zuschauer noch die Musiker wissen, wie er ausgehen wird. Keine Noten, keine Probe, nicht einmal ein gemeinsames Einspielen: „Wir haben absichtlich nichts abgesprochen, damit die Musik ganz im Moment entsteht und wir gemeinsam diese ungewöhnliche Besetzung erforschen können“, sagt Jonas Burgwinkel, der Schlagzeuger. Sein Duopartner und Posaunist Samuel Blaser ergänzt: „Wir sind bereit für jede Art von Musik“.

In so einem Moment legen die Musiker alles in die Waagschale, was sie können und sind. Der Schweizer Samuel Blaser seine klassische Ausbildung, sein Jazzstudium, seine vielen Bands, darunter auch ein Duo mit dem Schlagzeuger Pierre Favre. Der Aachener Jonas Burgwinkel sein Schlagzeugstudium in Boston und Köln, seine Lehrtätigkeit, seine preisgekrönte Arbeit als gefragter Solist und Begleiter.

Und so verbringen die beiden die ersten Minuten damit, wie zwei Katzen umeinander herum zu schleichen. Burgwinkel ist in diesen Minuten oft einen Schritt voraus, kontrastiert vorausschauend, indem er mal das ganze Drumset aufbietet und dann wieder lange ein Teilinstrument seziert. Blaser lässt sich Zeit, er erkundet die von seinem Duopartner geschaffenen Räume genüsslich. Alles ist ungewiss, alles ist offen.

© Peter Tümmers
© Peter Tümmers

Dann plötzlich: ein Groove. Es gibt nun eine erkennbare Struktur in der Musik, ein Vehikel zum Festhalten. Die beiden schwingen sich mit Freude darauf, Burgwinkel dekonstruiert zunächst nicht, sondern variiert virtuos, während Blaser lange dynamische Verläufe vollzieht. Das Planbare des Rhythmus und Burgwinkels luftiger Sound helfen ihm, große Bögen zu spannen. Er scheint mit seiner Posaune verwachsen zu sein, spielt tatsächlich auch beim Einatmen weiter. Und dann, wie durch ein Wunder: der Schluss, quasi unisono. Hier denken zwei Musiker gemeinsam, ohne vorher zusammen gespielt zu haben. Auch wenn das prozesshafte der freien Improvisation durchaus vorkommt – etwa wenn Burgwinkel beim Intro zum zweiten Stück mit seinen Klangschalen etwas alleingelassen wirkt – zeigen die beiden dennoch souverän und ideenreich die Faszination von Musik, die im Augenblick entsteht.

© Peter Tümmers
© Peter Tümmers

Der zweite Teil des Konzerts beginnt mit einer Mischung aus Rauschen und Brummen, ausgehend von drei Gitarrenverstärkern und zwei Boxen, die den Zuhörer im Halbkreis belauern. Ein rhythmisches Nicken und Sebastian Müller und Leonhard Huhn lassen die erste Klangwelle über den Zuhörer fließen. Müller ist Gitarrist mit Vorbildern wie Jimi Hendrix und David Thorn und bekannt dafür, das volle Klangspektrum der Gitarre zu nutzen während Huhn die Kölner Jazzszene schon lange als gewiefter Saxophon-Improvisateur bereichert. Beide zerfließen sofort zu einer Klangwand, lassen ihre Signale durch eine Armada von Effektpedalen anreichern. „Ich habe gezielt zwei Duos mit sehr verschiedenem musikalischen Hintergrund eingeladen“, gibt der junge Kurator und Posaunist Janning Trumann Auskunft, der die Konzertreihe konzeptionell und organisatorisch betreut. Und: „Ich bin so aufgeregt als würde ich selbst spielen.“

Und in der Tat schallt aus den vielen Lautsprechern aufregende Musik, die vier Stücke sind mit immenser Wucht instrumentiert und eigenständigem Sound interpretiert. Die beiden Musiker betreiben die Produktion ihrer Klangwand mit einer solchen Ernsthaftigkeit, dass der Zuhörer sofort mitgezogen wird in einen tranceähnlichen, bewundernden Zustand. Die Musik fließt durch den kleinen Konzertraum, mal an experimentelle Klangkunst erinnernd, mal an Coltranes Love-Supreme-Hymne „Resolution“ angelehnt. Wenn man Leonhard Huhn fragt, was er an seinem Duopartner schätzt sagt er einfach nur: „Seine Kraft.“ Und weil Huhn und Müller ihre Synthesizer, ihre Ringmodulatoren und ihre Filterpedale nutzen, um genau diese musikalische Kraft zu erzeugen, wirkt ihre Musik authentisch und eindrücklich.

Beide von Janning Trumann eingeladenen Duos überzeugen durch ihre je eigene Herangehensweise an Musik und kreieren einen kompakten und kontrastreichen Abend mit zwei spannenden Facetten des Jazz. Das Publikum dankt es mit anhaltendem Applaus.

© Luis Reichard 2015